Ganzheitliches Bewegungsangebot
Wenn es zwei zentrale Eigenschaften sind, die den Rehasport zu einem hochwirksamen Instrument für die gesellschaftliche Gesundheit ausmachen, dann sind es diese Merkmale:
- Rehasport ist ein Gruppen-Angebot: Rehasport findet in der Gruppe, mit max. 15 Teilnehmenden, statt.
- Rehasport ist eine Maßnahme über langen Zeitraum: in der Regel über 18 Monate.
Diese regelmäßigen Gruppen-Termine schaffen etwas Einzigartiges: Aus einer Gruppe von 15 Teilnehmenden wird oft ein vertrauter Kreis, in dem das Miteinander ebenso bedeutsam wird wie die sportliche Aktivität selbst.
Rehasport-Übungsleitungen kennen dieses Phänomen gut: Die Gruppe wächst zusammen, bis der Sport manchmal zur Nebensache wird. Es wird gelacht, geplauscht, sich ausgetauscht – ein soziales Geflecht entsteht, das weit über die Trainingsstunde hinaus wirkt. Für viele Rehasportler bedeutet das nicht nur eine gesundheitsfördernde Bewegung, sondern auch die Wiederentdeckung regelmäßiger persönlicher Kontakte. Diese sozialen Kontakte steigern nicht nur die Lebensqualität, sondern machen auch glücklicher und gesünder.
Unser Gehirn benötigt persönliche Kontakte
Der Neurowissenschaftler Ben Rein, der Stanford Universität, ist gefragter Wissenschaftskommunikator, Autor des Buches „Happy Hirn“ und forscht zu Autismus und dem Thema wie neuronale Verbindungen unsere soziale Regulierung beeinflussen. Er beschreibt im taz-Interview, wie gesund persönliche Begegnungen und soziale Kontakte für unser Gehirn sind:
„Unser Gehirn ist so verdrahtet, dass wir es als belohnend und angenehm empfinden, mit anderen zusammen zu sein. Die dabei involvierten Neurotransmitter heißen Oxytocin, Dopamin und Serotonin, sie sind umgangssprachlich auch als Glückshormone bekannt.“ schreibt Rein.
Jede Form von zwischenmenschlicher Begegnung – sei es ein kurzer Austausch, ein gemeinsames Lachen oder ein empathischer Blick – aktiviert neuronale Netzwerke, die uns beruhigen, motivieren und verbinden. Diese Begegnungen wirken, laut Rein, wie emotionales „Gehirnfutter“. Sie fördern die Ausschüttung wichtiger Botenstoffe, die für Glück, Bindung und Wohlbefinden verantwortlich sind.
Soziale Interaktion ist kein Luxus, sondern ein biologisches Grundbedürfnis. Fehlen uns solche Interaktionen über einen längeren Zeitraum, gerät unser Gehirn in einen Zustand sozialer Unterversorgung. Viele Menschen beschreiben dies als innere Leere, Antriebslosigkeit oder steigende Gereiztheit. Der moderne Alltag verstärkt diese Entwicklung: Homeoffice, digitale Kommunikation, automatisierte Prozesse und kleinere soziale Netzwerke führen dazu, dass direkte Begegnungen immer seltener werden.
Ben Rein beschreibt es als „soziale Diät“. Seit der Pandemie haben sich viele auf einen niedrigeren Level an sozialen Kontakten eingestellt mit verheerenden Folgen für unsere Gesundheit. „Einsame Menschen haben“, laut Ben Rein „ein höheres Risiko für Diabetes, Depressionen, Angstzustände, Demenz und Suizid. Betrachtet man allein die Sterberate, haben einsame Menschen ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, zu sterben.“ laut dem Wissenschaftler Rein.
Effektives Mittel für chronisch Erkrankte
Chronisch Erkrankte sind laut Ben Rein stärker von Einsamkeit bedroht. Schon mit leichten chronischen Erkrankungen, welche sich über Monate hinziehen, werden Betroffene Einbußen ihrer sozialen Kontakte haben. Am gewohnten Sportvereins-Angebot können sie möglicherweise nicht mehr teilnehmen und liebgewonnene Kontakte werden seltener. Sie werden die Häufigkeit ihrer sozialen Kontakte nicht halten können, da sie gesundheitlich schlichtweg nicht mehr in der Lage sind, an ihren gewohnten Aktivitäten teilzunehmen. Manchmal stellt das Einsteigen in den Bus schon eine Barriere für den Erkrankten dar und verhindert ein Treffen mit gewohnten Kontakten. Hinzu kommt in vielen Fällen noch eine gesellschaftliche Stigmatisierung z.B. von einem ungewöhnlichen Gangbild oder einem Hilfsmittel, was zu Scham und Zurückhaltung führen kann.
Chronische Erkrankte haben sich ihre „soziale Diät“, wie Ben Rein es definiert, nicht freiwillig ausgesucht. Sie haben nicht die Wahl, sondern sind gezwungen sich aus dieser sozialen Diät herauskämpfen. Ben Rein wünscht sich gesundheitspolitische Bestrebungen der Einsamkeit entgegenzuwirken.
In Deutschland haben wir glücklicherweise schon ein effektives Mittel gegen Einsamkeit, nur ist es leider noch nicht an allen entscheidenden Stellen bekannt genug, wie auch das Interview mit Ben Rein zeigt. Vermutlich ist er zu weit weg von dem deutschen Gesundheitssystem und nennt den Rehasport leider nicht. Rehasport ist sogar eine geregelte Rechtsanspruchsleistung für die besonders gefährdete Zielgruppe: Chronisch Erkrankte und von Behinderung bedrohte Menschen. Und genau bei dieser Zielgruppe kann der Rehasport seine Superkräfte besonders wirksam entfalten. Er schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Er verbessert nicht nur Kraft, Flexibilität und Ausdauer der Rehasportler, sondern wirkt sich auch in besonderem Maße auf die psychische Gesundheit aus.
Gemeinschaft auf Rezept
Der Arzt bzw. die Ärztin kann bei einer chronischen Diagnose eine Rehasport-Verordnung ausstellen. Und das wäre ganzheitlich betrachtet sehr klug! In § 64 SGB IX ist Rehasport als ergänzende Leistung der medizinischen Rehabilitation geregelt, wenn ein Mensch länger als 6 Monate an der gesellschaftlichen Teilhabe gehindert wird.
Der chronisch Betroffene hat möglicherweise schon eine Rehabilitationsmaßnahme und Physiotherapie erhalten. Diese Maßnahmen sind wichtig zur Schmerzlinderung, Muskelaufbau und Verbesserung der Beweglichkeit. Was der Patient nach diesen Maßnahmen benötigt, ist eine langfristige Maßnahme, die nicht nur seinen körperlichen Gesundheitszustand verbessert, sondern auch einen Ersatz bietet für seine fehlenden sozialen Termine. Er benötigt eine wohnortnahe Gruppe, die ihn herzlich aufnimmt, sich regelmäßig trifft und mit der er sich seinen Beschwerden entsprechend bewegen kann. Genau hier entfaltet der Rehasport seine besonderen Fähigkeiten.
Rehasport ist 2 in1: Bewegung und Soziales Miteinander
Rehasport ist nicht nur Bewegungstraining, sondern auch sozialer Austausch für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Das Besondere: Er findet als langfristiges Gruppenangebot über mindestens 18 Monate statt und hat damit ein riesiges Potential für den Rehasportler tiefergehende Verbindungen in der Gruppe zu knüpfen. Maximal 15 Teilnehmer treffen sich regelmäßig zum angeleiteten Training mit einer lizenzierten Übungsleitung. Hier steht das regelmäßige Bewegen und der Rehasportler im Mittelpunkt und nicht die sportliche Leistung.
Der behandelnde Arzt bzw. die Ärztin schlägt mit der Rehasport-Verordnung gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Wer das fröhliche Miteinander einer Rehasport-Gruppe miterlebt, wird bestätigen können, dass der Rehasport nicht nur auf die physische Gesundheit, sondern auch auf die psychische Gesundheit der Teilnehmenden einen großen Einfluss hat. Gemeinsame Bewegung macht Spaß und bringt Fortschritte.
Psycholog:innen sprechen in diesem Zusammenhang von „sozialer Selbstwirksamkeit“: Das Gefühl, gemeinsam stärker zu sein als allein. Wenn jemand in der Gruppe einen Fortschritt erlebt oder eine Herausforderung meistert, inspiriert das andere. Dieses Gefühl der Verbundenheit löst Stress, stabilisiert die Psyche und fördert sogar die Bereitschaft, körperlich aktiv zu bleiben.
Förderung der Gruppendynamik in unserem Netzwerk
In dem langen Zeitraum, in dem Rehasportler in den Gruppen miteinander trainieren, haben alle Beteiligte ausreichend Möglichkeiten Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Rehasport-Übungsleitungen fördern gezielt die Gruppendynamik durch Kennenlernspiele und spielerische Übungen. Viele Übungsleitungen schaffen zusätzlich die Rahmenbedingungen zum Austausch nach der Rehasport-Stunde und bekommen es durch eine hohe Termintreue und gute Stimmung der Rehasportler „zurückgezahlt“.
In unserem Rehasport-Netzwerk gibt es sehr schöne Beispiele wie das Miteinander in der Gruppe auch über die Gruppen-Stunde hinaus, Wirkung zeigt.
Es finden Gruppen in unserem Netzwerk statt, da werden neue Teilnehmende mit Applaus willkommen geheißen und jährlich wird ein Grillfest organisiert. Manche Rehasportler gehen nach dem Rehasport im Café nebenan frühstücken, andere treffen sich auf dem Weihnachtsmarkt oder schauen gemeinsam Fußball. In manchen Gruppen wird am 11.11. gemeinsam angestoßen oder Geburtstage werden gemeinsam gefeiert. Im Idealfall hat sich die Übungsleitung überflüssig gemacht, dass sich die Gruppe eigenständig organisiert für diese zusätzlichen Treffen.
Als eine Übungsleiterin aus unserem Netzwerk selbst operiert wurde, länger ausfiel und keine Vertretung verfügbar war, war eine große Sorge von ihr, dass sich die Gruppe nicht wie gewohnt sehen konnte. Sie hat organisiert, dass sich die Gruppe weiterhin zum gleichen Zeitpunkt privat zum Spaziergang getroffen hat. So ein starker Gruppenzusammenhalt resultiert aus erfolgreichem Rehasport.
Effektive Strategie gegen Einsamkeit
In dem Artikel von Jun.-Prof. Susanne Bückern, Psychologin an der Sporthochschule Köln, über Einsamkeit im Deutschen Ärzteblatt, wird Rehasport als effektive Strategie gegen Einsamkeit, explizit genannt:
Einsamkeit: In der Therapie adressieren – Deutsches Ärzteblatt
Sie weist darauf hin, dass über Angebote wie den Rehasport besser aufgeklärt werden müsse und auch die Motivation der Betroffenen zu fördern. Der erste Schritt sei oftmals schwierig. Es ist ein wichtiger Schritt die Sensibilität in der Gesellschaft für Einsamkeit zu schärfen und hinzuschauen, wenn Menschen unter einer „sozialen Diät“ leiden. Rehasport kann für diese betroffenen Menschen wichtige Brücken schlagen und sie aus ihrer Einsamkeitsspirale herausholen.
Wenn sie sich Sorgen um die Einsamkeit eines Verwandten, Bekannten oder ihres Patienten machen, gibt es eine effektive Lösung. Lassen sie die Superkräfte des Rehasports wirken. Ermutigen Sie den Betroffenen dabei am Rehasport teilzunehmen und Teil einer von vielen großartigen Rehasport-Gruppen zu werden.
Information für Ärzte
- bei Verdacht auf soziale Isolation kann mit einer zugrunde liegenden Diagnose eine Rehasport-Verordnung (Formular 56) ausgestellt werden: im Regelfall 50 Einheiten bzw. 18 Monate, ohne das eigene Heilmittelbudget zu belasten, denn Rehasport ist eine Ergänzende Leistung laut § 64 SGB IX zur medizinischen Rehabilitation und Teilhabe am Arbeitsleben
- Rehasport findet in der Gruppe mit max. 15 Teilnehmenden statt und beinhaltet Gymnastik mit Kleingeräten, Ausdauertraining, Bewegungsspiele uvm.
- Lizenzierte Rehasport-Übungsleitungen sind qualifiziert, Übungen für Personen mit Krankheitsbildern aus den entsprechenden Profilbereichen Orthopädie, Neurologie, Innere Medizin, Psychiatrie, Geistige Behinderung oder Sensorik anzuleiten